Wir studieren und erforschen die Geschichte europäischer Gesellschaften im Mittelalter aus Interesse an der Vielfalt: Wie sah die Welt vor dem Siegeszug der Idee vom Nationalstaat im 19. Jahrhundert aus? Wie organisierten sich Gesellschaften in einer Zeit in der es noch keine allgemeingültigen Definitionen von nationalen Grenzen, nationaler Einheit und nationalen Identitäten gab? Wie funktionierten Gesellschaften ohne normierte Standards in Sprache, Schrift, Kultur, Währung oder Zahlungsmethoden?
Dass sie funktionierten steht außer Frage. Wie? Das erforschen wir in konkreten Einzelstudien aus verschiedenen Regionen Europas in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Derzeit laufen vor allem Projekte zu vormodernen Organisationsformen des Wirtschaftslebens.

Wirtschaft

Uns interessiert die Frage, wie vormodernen Gesellschaften wirtschaftliche und soziale Interaktion organisierten. Fragen der Marktteilhabe und des Projektmanagements interessieren ebenso wie die Finanzierung von Heilserwartungen oder Kriegszügen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt in der Erforschung vormoderner Kulturen der Armut. Unser Markenzeichen ist die Verknüpfung von historischer Anthropologie und Marktgeschehen, von Kulturgeschichte und Wirtschaftsgeschichte.

Mikrokredit: Geschichte des Mikrokredits in der Vormoderne

Gender: Wirtschaftsgeschichte im schwäbischen Frauenkloster 

Mittelmeerstudien: Handel und Austausch im westlichen Mittelmeerraum (Stephan Köhler)

Projektmanagement: „Kalkulieren – Handeln – Wahrnehmen“

Kulturen der Armut: Der freiwillig Arme ist ein Reicher

Politik

Forschungsprojekte zur Geschichte der Macht

Paradoxien der Legitimation fragt nach Formen der Machtausübung die in der Behauptung des Machtverzichts gründen. Wie erfolgreich diese Strategie ist, kann man derzeit an Donald Trump studieren, der sein Streben nach dem höchsten Amt der Vereinigten Staaten damit begründete, dass ihn nicht die Macht sondern nur das Volk interessiere: You are the people. Max Webers Herrschaftstypen, die nach den Gründen für den Glauben an die Legitimität unterscheiden, reichen hier nicht mehr aus: Tradition, Bürokratie oder Charisma als Legitimationsgrundlagen scheinen hier nicht mehr zu greifen. Vielmehr wirken hier Mechanismen die dem Prinzip der paradoxen Intervention zu folgen scheinen.

Fallstudien zu diesem Phänomen aus der Vormoderne versammelt der Band Paradoxien der Legitimation.

Gesellschaft

Geschichte einer vormodernen „ internationalen“ Gemeinschaft: Die Franziskaner auf den Britischen Inseln. Von Anfang an, seit der Gründung der Franziskanischen Gemeinschaft durch Franz von Assisi im frühen 13. Jahrhundert war dieser Bettelorden – wie im übrigen nahezu alle Orden des europäischen Mittelalters – grenzüberschreitend und europaweit organisiert. Schon Mitte des 13. Jahrhunderts gab es ein ausgedehntes Netzwerk franziskanischer Häuser: ganz im Norden Bergen und Oslo in Norwegen oder Uppsala in Schweden bis nach Mallorca, Südspanien und Syrakus im Süden, vom irischen Timaloghue im Westen bis nach Kiew oder Riga im Osten. Wie funktionierten diese Netzwerke? Wie waren diese Gemeinschaften organisiert. Und insbesondere interessiert hier die Frage, wie die Kommunikation zwischen dem Ordenszentrum in Assisi und den entlegenen Ordensprovinzen in der Peripherie funktionierte?