Mit der alljährlichen Alfred Delp Vorlesung wird dem katholischen Widerständler gegen den Nationalsozialismus Alfred Delp gedacht, der Vorstellungen und Inhalte  der katholischen Soziallehre in die Diskussionen des “Kreisauer Kreises” einbrachte. Alfred Delp wurde am 15. September 1907 in Mannheim geboren und am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Dieses Jahr las der Landesbischof der evangelischen Landeskirche Baden Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh aus diesem Anlass zum Thema „Christlich motivierter Widerstand gegen den Nationalsozialismus und seine Bedeutung für die heutige Zeit“.

In seiner einleitenden Begrüßung betonte der Prorektor der Universität Mannheim Prof. Dr. Thomas Puhl die Relevanz der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus gerade angesichts aktueller Entwicklungen. Besonders die anwesenden Studierenden forderte Puhl auf, sich einen „aufrechten Gang“ anzueignen und zu bewahren. Auch die Leiterin der Forschungsstelle „Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ Prof. Dr. Angela Borgstedt hieß die Anwesenden herzlich willkommen und führte inhaltlich in den Themenkomplex des Widerstandes im „Dritten Reich“ ein.

Im eigentlichen Vortrag stellte Prof. Cornelius-Bundschuh drei Personen aus der badischen Kirchengeschichte vor, die sich aus ihrem Glauben heraus am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt haben.

Elisabeth von Tadden hatte 1926 den „Evangelisches Landerziehungsheim Schloss Wieblingen e.V.“ gegründet, der auf eine ganzheitliche christliche Lebens- und Menschenbildung ausgerichtet war. Auch nach 1933 nahm sie jüdische Kinder in ihrer Schule auf und ignorierte entsprechende Erlasse. Auch hielt sie Kontakt zu Mitgliedern der Bekennenden Kirche in Heidelberg, u.a. mit Hermann Maas und verhalf jüdischen Menschen zur Flucht. Die Einrichtung geriet zunehmend unter politischen Druck, der auch durch die 1940 von von Thadden initiierte Auslagerung nicht überwunden werden konnte.

1941 wurde die Schule verstaatlicht und von Thadden suspendiert. Von Thadden kehrte daraufhin nach Berlin zurück, wo sie Kontakt zum Kreis um Hanna Solf und zu Angehörigen der Bekennenden Kirche aufnahm und sich weiter für die jüdische Gemeinde engagierte. Seit 1942 war sie für das Rote Kreuz tätig. 1944 wurde sie denunziert und festgenommen. Nach verschiedenen Gefängnisaufenthalten wurde sie am 08.09.1944 in Plötzensee enthauptet.

Ein wichtiger Weggefährte von Thaddens war Hermann Maas. Ab 1915 war er Pfarrer in der Heiliggeistgemeinde in Heidelberg und amtierte dort bis 1943. In dieser Zeit hat er auch die diakonische Arbeit in Heidelberg entscheidend geprägt. Von 1918 bis 1926 war Maas Stadtrat für die Deutsche Demokratische Partei in Heidelberg. 1945 wurde er Prälat für den nördlichen Teil der badischen Landeskirche. 1965 trat er in Ruhestand und verstarb 1970 in Heidelberg. Maas war eine bekannte Persönlichkeit des kirchlichen Widerstandes und erhielt als erster deutscher Staatsbürger nach dem Krieg 1950 eine Einladung nach Israel.

In den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur baute Maas seine internationalen Kontakte im und durch den Weltbund weiter aus. Dabei lag sein Fokus auf dem Schutz der Bedürftigen unabhängig von ihrer politischen Orientierung und auf dem Einsatz für Auswanderer. Auch die kritisierten Kontakte zur jüdischen Gemeinde pflegte er weiterhin. Ende der 1930er Jahren verstärkte Maas seine Verbindungen zu Mitgliedern der Bekennenden Kirche, mit denen er sich insbesondere zur „Judenfrage“ austauschte. Als am 22.10.1940 auch die Heidelberger Juden nach Gurs abtransportiert wurden, setzte sich Maas vehement dagegen ein und versuchte, Deportationen zu verhindern. Daraufhin griff die Gestapo ein. Maas musste sein Amt als Standortpfarrer niederlegen, 1942 wurde ihm die Erteilung des Religionsunterrichts verboten. 1943 schied er aus dem aktiven Pfarrdienst aus.

Der „rote Vikar“ Egon Thomas Güß  war ab 1931 Mitglied des Bundes Religiöser Sozialisten und ab 1933 Pfarrer der Kirchengemeinde in Stein bei Pforzheim. Sehr schnell fand er das Vertrauen seiner eher bäuerlich-konservativen Gemeinde, die ihn in seinem Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime treu und konsequent unterstützte. Gemeinsam mit seiner Gemeinde stellte sich Güß nicht nur staatlichen Stellen, sondern auch seiner Kirchenleitung entgegen, wenn er in deren Handeln eine Einmischung in geistliche Angelegenheiten der Gemeinde erkannte. 1934 trat die Gemeinde geschlossen der Bekennenden Kirche bei. Als 1939 ein Finanzbevollmächtigter für die Gemeinde von der Kirchenleitung eingesetzt werden sollte, löste sich der Kirchengemeinderat in Stein aus Protest auf. Es wird berichtet, dass Güß nicht nur den Eid auf Adolf Hitler verweigerte, sondern auch den Hitlergruß. Die Gestapo scheiterte jedoch wiederholt bei dem Versuch, ihm staatsfeindliches Verhalten nachzuweisen, weil die Gemeinde ihn schützte.

Als Kernaspekt, der den christlichen Widerstand motivierte führte Prof. Cornelius-Bundschuh das Gottvertrauen der Akteure an. Darüber hinaus sei auffällig, dass diese geistliche Konzentration gerade im protestantischen Raum dazu führe, dass die einzelne Person in besonderer Weise gefragt ist. Es ist nicht Gehorsam oder Zugehörigkeit, die zu diesem Handeln im Widerstand führen, sondern eine bewusste individuell verantwortete Entscheidung. Ergänzend sei jedoch auch die Verankerung in der Gemeinde ein Faktor, der die Möglichkeiten zu resistentem Handeln erweitert. Darüber hinaus war ihr inklusives Gemeinschaftsverständnis für alle drei dargestellten Personen wichtig im Blick auf die Verfolgung jüdischer Menschen. Andere Ausschlüsse und Verfolgungen, etwa gegenüber politischen Gruppen oder gleichgeschlechtlich Liebenden wurden nicht nur im Widerstand der evangelischen Kirche deutlich weniger wahrgenommen.

Die Frage, inwiefern heutzutage die Notwendigkeit zu widerständigem Handeln bestehe, ließ Prof. Cornelius-Bundschuh bewusst offen. Angesichts gesellschaftlicher Fragmentierung und Segmentierung sei jedoch jeder einzelne dazu aufgefordert durch Begegnungen realistischere Perspektiven auf die vielen wechselseitigen Projektionen zu entwickeln. Insgesamt sei die Fähigkeit gerade auch in Konflikten Handlungsfähigkeit zu bewahren eine zentrale Notwendigkeit zur Bewältigung gesellschaftlicher Problemstellungen.