Augsburger Historiker erhalten gemeinsam mit Forschern in Großbritannien 150.000 Euro von der Gerda Henkel Stiftung für ihr Vorhaben einer Kulturgeschichte der militärischen Nachrichtendienste.
Die Gerda Henkel Stiftung wird mit gut 150.000 Euro ein wissenschaftliches Projekt zur Geschichte der militärischen Nachrichtendienste in Deutschland, Großbritannien und den USA fördern. Dabei soll es nicht allein um die klassische geheimdienstliche Arbeit des Erfassens, Sammelns und Auswertens von sicherheitsrelevanten Informationen gehen. Das Projekt fragt auch danach, wie sich Spionagediskurse in größere kulturgeschichtliche Zusammenhänge einordnen lassen, und ob und bis zu welchem Grade sich im frühen 20. Jahrhundert national spezifische Geheimdienstkulturen herausgebildet haben.

Eine Forschergruppe unter Leitung von Prof. Dr. Philipp Gassert, Prof. Dr. Andreas Gestrich (Deutsches Historisches Institut London) und Prof. Dr. Sönke Neitzel (University of Glasgow) wird die Entwicklung der militärischen Nachrichtendienste in allen drei Ländern für die Zeit von 1900 bis 1947 systematisch erforschen und dabei sowohl die tatsächliche geheimdienstliche Arbeit als auch populäre Darstellungen von Spionen und „abenteuerlichen“ Methoden der Informationsgewinnung in Literatur und Medien genauer in den Blick nehmen. Was haben populäre Repräsentationen des Spions mit den jeweiligen nationalen Kulturen der „intelligence“ und dem Arbeitsalltag der Nachrichtendienste zu tun?

Unter dem Titel „Kulturen der Intelligence“ soll damit die erste Kulturgeschichte militärischer Nachrichtendienste überhaupt in vergleichender Perspektive entstehen.  Es soll in den kommenden drei Jahren nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den drei Ländern gefragt werden und danach, ob es nationale spezifische Geheimdienstkulturen entstanden und bis zu welchem Grad auch übernationale Muster die Arbeit der Geheimdienste prägen. Zugleich erhoffen sich die Forscher, durch die Einbettung der „human intelligence“ in ihre soziokulturellen Kontexte einem bisher ganz überwiegend von Institutionen- und politikgeschichtlichen Ansätzen geprägtem Forschungsfeld neue Impulse zu verleihen.

Das Projekt wird sich in seiner ersten Stufe auf die Entwicklung der militärischen Nachrichtendienste in Europa und den USA seit dem späten 19-. Jahrhundert konzentrieren. In dieser Zeit durchlief das Nachrichtendienstwesen einen Prozess der Professionalisierung und Technisierung und bildeten sich zunächst spezifische nationale Geheimdiensttraditionen heraus. In mittelfristiger Perspektive sollen die Forschungen auch auf die Zeit des Kalten Krieges ausgedehnt werden, und weitere Länderperspektiven hinzu gefügt werden (z.B. Frankreich und Italien). Aufgrund der Quellenlage wird sich das Projekt jedoch zunächst auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts konzentrieren.

Die Gerda Henkel Stiftung stellt für das Forschungsprojekt Personal-, Reise- und Sachmittel zur Verfügung. Ein erster, konstituierender Workshop für das Projekt soll im Februar 2013 an der Universität Augsburg stattfinden.