(in Teilen gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, DFG)

Das Projekt analysiert einen zentralen gesellschaftlichen Konflikt der 1980er Jahre: Die Auseinandersetzung um die atomare Bewaffnung und das Thema „Frieden“ während der erneuten Verschärfung des Ost-West-Gegensatzes im sogenannten Zweiten Kalten Krieg. Mit dem analytischen Begriff der „Nuklearkrise“ soll die zeitgenössisch viele Debatten strukturierende „Krise“ für die Geschichte der politischen Kultur der 1980er Jahre differenziert betrachtet werden, deren Historisierung jetzt, nach 30 Jahren, beginnt.

Die grundlegende These des fünfteiligen Projekts lautet, dass es in diesem Streit um mehr als eine außen- und sicherheitspolitische Kontroverse ging. Der Konflikt um Nuklearwaffen verweist vielmehr auf politische und gesellschaftliche Konfliktlinien. Die Debatte über atomare Waffen war Katalysator der Selbstverständigung über zentrale politische und gesellschaftliche Fragen der (west-) deutschen Gesellschaft der 1980er Jahre. Sie trug damit zur Selbstverständigung über die Grundlagen des westdeutschen Gemeinwesens bei.

Der Fokus des Projekts richtet sich auf Protest und politische Kultur als zentrale Prägekräfte der 1980er Jahre und konzentriert sich dabei auf die bisher wenig untersuchte Vermittlung, Verarbeitung und Adaption von Protestinhalten in der Populärkultur („Die Populärkultur und nukleare Bedrohung der 1980er Jahre“, Philipp Baur), auf konkrete Protestformen „vor Ort“ („Die Proteste gegen die Stationierung der Pershing II-Raketen im schwäbischen Mutlangen“, Richard Rohrmoser) sowie in „etablierte“ Kontexte hinein („Die Strategie der CDU/CSU in der Nachrüstungsdebatte“, Johannes Schneider).

Damit soll geprüft werden, welchen Beitrag die Existenz und Argumentation der Friedensbewegung in der gesamtgesellschaftlichen Dynamik für die erst in der Retrospektive so erscheinenden Schlussphase des Ost-West-Konfliktes hatte und welche Querverbindungen zwischen politischem Protest und kulturellem sowie gesellschaftlichem Wandel sichtbar wurden. Während sozialwissenschaftliche Untersuchungen bereits Ergebnisse über die strukturelle Zusammensetzung und die Herkunft der Protestierenden vorgelegt haben, leistet dieses Projekt hier erstmals historische Grundlagenforschung.

In einem weiteren Promotionsvorhaben („Frieden im Patriarchat ist Krieg für Frauen!“ – Die westdeutsche Frauenfriedensbewegung der 1970er und 1980er Jahre, Anne Bieschke) geht es um die Geschlechterdimension der Friedensbewegung der 1980er Jahre. Die zahlreichen von Frauen für Frauen organisierten Gruppierungen und Aktionen stellten dabei einen autonomen Teil innerhalb der Friedensbewegung dar. Sie werden in ihre Selbst- und Außenwahrnehmung untersucht.

Schließlich setzt sich ein Dissertationsprojekt mit den europäischen Reaktionen auf die Strategische Verteidigungsinitiative (SDI) auseinander, die 1983 von Ronald Reagan ins Leben gerufen wurde. Diese elektrisierte nicht nur den Widerstand der Friedensbewegung auf beiden Seiten des Atlantiks, sondern trug zu erheblichen Friktionen innerhalb des atlantischen Bündnisses bei. Dabei interessiert in diesem vergleichenden Projekt insbesondere die Frage, ob und bis zu welchem Grad eine gemeinsame Reaktion der Europäer erfolgte („Europäische Reaktionen auf die Strategische Verteidigungsinitiative (SDI)“, Vivian Seidel).