Verschränkung von erfolgreicher Unternehmensführung, gesellschaftlicher Verantwortung und innovativer Wissenschaftsförderung. Das Beispiel Carl Zeiss, Otto Schott und Ernst Abbe

(Gefördert durch die Carl-Zeiss-Stiftung, Betreuer: Steinbach)

Das 19. Jahrhundert brachte mit dem bürgerlich geprägten Mäzenatentum eine neue Form gemeinwohlorientierten und zugleich zielgerichteten Handelns hervor. Im Zentrum stand dabei zunächst die Kunst- und Museumsförderung. Die durch Ernst Abbe im Jahr 1889 ins Leben berufene Stiftung unterscheidet sich von den bis dahin verbreiteten Förderungsinitiativen. Sie zeichnet sich durch die durchaus innovative Kombination von erfolgreicher Unternehmensführung, gesellschaftlicher Verantwortung, zielgerichteter Förderung unter Betonung der Mitverantwortung der Stifter für die weitere Entwicklung und durch das durchaus politische Ziel aus, gesellschaftliche Defizite abzubauen und eigenständige wissenschaftliche und wirtschaftliche Akzente zu setzen. Mit der Stiftung als Steuerungselement bürgerschaftlichen Engagements reagierte Abbe auf den sozialen Wandel zum Ende des 19. Jahrhunderts durch Anpassung an die von ihm wahrgenommenen Folgen von Industrialisierung und moderner Leistungsgesellschaft. Sein Handeln muss daher als Problembewusstsein und kritische Auseinandersetzung mit der Modernisierung und ihren Folgen sowie einer daraus resultierenden Übernahme bürgerschaftlicher Verantwortung interpretiert werden.

Grundlage für die Stiftung war die erfolgreiche Entwicklung der Firmen Carl Zeiss und Schott & Genossen zu Weltmarktführer durch die innovative Verbindung von wissenschaftlichem Sachverstand, mechanischer Präzision und industrieller Organisationsfähigkeit. Die Initiative zur Stiftungsgründung wiederum ging von Ernst Abbe aus. Der aus der Arbeiterschaft aufgestiegene Naturwissenschaftler sah sich als Unternehmer in der Pflicht, Verantwortung für die Allgemeinheit zu übernehmen und forderte “eine öffentliche Tätigkeit des Unternehmertums”. Er fasste daher den Plan, eine Stiftung zu gründen.

Die Carl Zeiss-Stiftung stellte ein innovatives Modell dar, wie durch die Übertragung der Unternehmensanteile in eine Art „unpersönlicher Hand” ein Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich und wissenschaftlich nachhaltig geführt werden könne. Gleichzeitig gestand das umfangreiche Stiftungsstatut von 1896 mit der Verrechtlichung der Arbeitsbeziehungen bei Zeiss und Schott der Belegschaft einklagbare Rechte und Leistungen zu, die einen Interessenausgleich mit der Unternehmensführung auf lange Zeit ermöglichen sollten. Soziale Projekte außerhalb der Betriebe kamen der Bevölkerung und besonders den unteren Schichten zugute, während den Wissenschaften an der Universität Jena umfangreiche Fördermittel zur Verfügung gestellt wurden.

Die Carl Zeiss-Stiftung erwies damit als ein Instrument, das den gesellschaftlichen Wandel mitgestaltete und die Anpassung an von Abbe wahrgenommene gesellschaftliche Problemlagen unterstützte. Gleichzeitig setzte sie sein wirtschaftliches und gesellschaftliches Idealbild in Realität um. Sein Ziel mit der Stiftung war es, auf eine freie Gemeinschaft von Staatsbürgern mit gleichen Rechten und Pflichten und unabhängig von Besitz und Stand hinzuarbeiten.

Ernst Abbe stand mit seinem Wirken aber nicht allein – in einem Vergleich mit anderen Sozialreformern, Stiftern und Unternehmensleitern wird das Beispiel der Carl Zeiss-Stiftung in den Kontext einer allgemeinen Verantwortungsgesellschaft zu Ende des 19. Jahrhunderts gestellt. Denn bürgerschaftliches Engagement im Kaiserreich war breit angelegt, vielfältig und muss als politisches Handeln verstanden werden, wenn Bürger auf die Ausgestaltung von Gesellschaft einwirkten, trotz defizitärer parlamentarischer Partizipationsmöglichkeiten. Die historische Bewertung des deutschen Kaiserreichs muss daher um die Perspektive einer handlungsfähigen und -willigen Zivilgesellschaft differenzierend erweitert werden.

 

Auf dem Weg zur Verantwortungsgesellschaft:
Ernst Abbe und die Carl Zeiss-Stiftung im deutschen Kaiserreich

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