„Ausländer“ und „Deutsche“ – Rassistisches Wissen und die Transformation Deutschlands in eine Einwanderungsgesellschaft

Seit den 1960er Jahren setzte in Westdeutschland ein Prozess ein, in dem sich die Bundesrepublik widerwillig und nur langsam von der Idee zu verabschieden begann, ein „Nichteinwanderungsland“ zu sein: Ein Teil der als vorübergehende „Gäste“ verstandenen Arbeitsmigrant*innen wurde sesshaft, ihre Familien zogen nach, hinzu kamen viele Menschen, die als Asylsuchende in die Bundesrepublik migrierten. Das vorliegende Projekt untersucht gesellschaftliche und politische Aushandlungsprozesse der sozialen Konzepte „Deutscher“ und „Ausländer“ zwischen den 1960er und 1990er Jahren, in denen sich die Bundesrepublik zu einer Einwanderungsgesellschaft wandelte. Grundhypothese ist, dass die damit verbundenen Diskurse und Praktiken durch tradierte rassistische Wissensbestände geprägt waren, die in der Folge immer wieder reproduziert, aber auch transformiert und in Frage gestellt wurden.

Rassismus ist ein diachrones Phänomen, das in unterschiedlichen zeitlichen und räumlichen Kontexten verschiedene Ausprägungen angenommen hat. Autoren wie Etienne Balibar und Stuart Hall postulierten in den 1980er Jahren einen “Rassismus ohne Rassen”: Zwar sei der Begriff ‚Rasse‘ aus öffentlichen Diskursen (zumindest in Europa) verschwunden, nicht aber das Phänomen Rassismus als Denkmuster und Praxis. Neue Begrifflichkeiten wie “Ideologien der Ungleichwertigkeit” oder auch Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit, die besonders in Deutschland gebräuchlich sind, verstellen dabei geradezu den Blick auf die historische Kontinuität des Phänomens Rassismus. Im Kontext meiner Studie möchte ich Rassismus nicht als Ideologie verstanden wissen, sondern als Komplex von Wissensbeständen, die in Institutionen, Strukturen, Alltagspraktiken und Denkmustern auch in der „Mitte der Gesellschaft“ eingeschrieben waren und noch sind und welche die Binarität von „Ausländer“ und „Deutscher“ konstituiert und lange stabilisiert haben.

Die Untersuchung erfolgt anhand von drei Fallstudien:

  1. Die internen Diskurse der politischen Entscheidungsträger und die Verwaltungspraktiken rund um die Themen Einwanderung und Einbürgerung auf allen gouvernementalen Ebenen.
  2. Eine Mentalitätsgeschichte der deutschen Bevölkerung in ihrem Bezug zu den „Ausländern“.
  3. Die Widerspiegelung dieser gouvernementalen und alltäglichen Diskurse und Praktiken bei den Migrant*innen sowie deren Selbstpositionierung zu Einwanderung und Einbürgerung.

Ziel der Untersuchung wird es sein herauszuarbeiten, wie relevant diese Grenzsetzung der „Deutschen“ zu den „Ausländern“, wie sie durch die formaljuristischen Vorgaben stabilisiert wurde und auf der Alltagsebene lange dominierte, für die Entwicklung der Einwanderungsgesellschaft Deutschland war, wo sich Zäsuren ergaben und wo Kontinuitäten bleiben. Die Antworten auf diese Fragen haben letztlich das Potential, eine Neubewertung des Weges der Bundesrepublik in ein pluralistisches und demokratisches Staats- und Gesellschaftsgebilde nötig zu machen und damit ein neues „nationales Narrativ“ zu erfordern.

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