Selbermachen im Konsumzeitalter. Werte, Ordnungsvorstellungen und Praktiken vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1980er Jahre

Ein Produkt als „selbstgemacht” zu erkennen und zu benennen, weckt höchst unterschiedliche Assoziationen. Je nach Kontext wird Selbstgemachtes als schön, hässlich, gesund, ungesund, modern, altmodisch, liebevoll oder lieblos usw. bewertet. In jedem Fall wird es abgegrenzt von Dingen, die auf andere Weise hergestellt wurden, insbesondere durch industrielle (Massen)Produktion. Hier setzt die Untersuchung an: Mit der Zunahme ge- und verbrauchsfertiger Güter und den damit verbundenen wachsenden Wahlmöglichkeiten für Konsumenten entstanden neue Assoziations- und Sinnzusammenhänge, in denen die verschiedenen Optionen normativ aufgeladen waren. Wie das Selbermachen bewertet wurde, war dabei stets davon abhängig, wer unter welchen Bedingungen und aus welchen Motiven heraus etwas selber machte oder nicht. Mit den wachsenden Möglichkeiten, ob und durch wen etwas selbst gemacht wurde, standen zudem überkommene Wissensbestände und Fertigkeiten, Rollenbilder und Beziehungsmuster in Frage. Sie mussten neu definiert und legitimiert werden.

Die Studie nimmt die Praktiken und die Thematisierung des Selbermachens als Ausgangspunkt, um nach Formen des Umgangs mit den Herausforderungen der modernen Konsumgesellschaft zu fragen. Die „Verfügbarkeit der Dinge” in der Konsumgesellschaft zog neue Konsumgewohnheiten nach sich, die jedoch erst ausprobiert und eingeübt werden mussten. Die damit verbundenen Aushandlungsprozesse lassen sich anhand der Differenzierung zwischen Selbermachen/Nicht-Selbermachen exemplarisch nachvollziehen. Als gesellschaftliche Selbstverständigungsdebatten zeigen sie, wie Ordnungsvorstellungen, Wertehaltugen und Rollenerwartungen neu verhandelt wurden.

Die Studie ist an der Schnittstelle mehrerer Forschungsfelder angesiedelt. Konsumgeschichte wird mit Alltags-, Bildungs-, Wissenschafts- und Geschlechtergeschichte verbunden. Ziel ist es, über die Praktiken und die Thematisierung des Selbermachens Formen des Umgangs mit den Herausforderungen der sich herausbildenden Konsumgesellschaft in der Hochmoderne zu ermitteln. Um verschiedene Wege in die Konsumgesellschaft deutlicher zu profilieren, werden die USA in einem asymmetrischen Vergleich systematisch in die Untersuchung einbezogen. Hier setzten die Entwicklung zur Konsumgesellschaft früher und stärker ein, und als „Laboratorium der Moderne” waren die Vereinigten Staaten während des gesamten Untersuchungszeitraums Vor- und Gegenbild zugleich.

Das „Selbermachen im Konsumzeitalter” wird exemplarisch für zwei zentrale Bereiche untersucht: 1. Heimwerken, und 2. Ernährung und Nahrungsmittelzubereitung.

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