Die Repräsentation des Politischen. Politische Kommunikation und Selbstdarstellung zwischen Weimar und Bonn

(Universität Augsburg, Vorsitz des Mentorats: Gassert)

Kein historischer Zeitraum verdeutlicht die Paradoxie von Aufstieg und Fall demokratischer Ordnungen in so drastischer Weise wie das 20. Jahrhundert. In besonderer Form trifft diese Feststellung für die deutsche Geschichte zu. Flankiert von zwei Weltkriegen erlebten die Deutschen allein in den drei Jahrzehnten zwischen 1918 und 1949 vier politische Systemwechsel. Die deutsche und internationale Zeitgeschichtsforschung haben seit den 1950er Jahren ein breites Spektrum an politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Faktoren herausgearbeitet, die für die Auflösung der Weimarer Republik und den nachhaltigen Erfolg der Bonner Demokratiegründung verantwortlich zeichnen. Der für die Stabilität eines demokratischen Systems nicht minder konstituierende Konnex von gesellschaftlicher Demokratieakzeptanz einerseits und öffentlicher Darstellung von Politik andererseits fand bislang jedoch kaum adäquate Beachtung. Das bestehende Forschungs-defizit verwundert insofern, als die öffentliche Wahrnehmung von Politik in modernen Massendemokratien entscheidend durch das zumeist medial vermittelte ,Bild‘ von Politik geprägt wird. Diese Form der politischen Kommunikation zwischen Regierenden und Regierten erfüllt daher eine wichtige System stabilisierende bzw. bei defizitärer Ausprägung auch destabilisierende Funktion. Neben ihrem informativen Charakter meint politische Kommunikation zudem die Übermittlung sinnlich-emotional erfahrbarer Ausdrucksformen und Botschaften in Form von Bildern, Inszenierungen, Ritualen, Symbolen, Rhetoriken und Zuschreibungen. Speziell diese performative Dimension stiftet innerhalb einer politischen Ordnung Identität, Legitimität und Loyalität. Dies gilt in besonderem Maße für Phasen fundamentaler politischer Umbrüche, wie sie sich in Deutschland nach 1918 und nach 1945 vollzogen haben. In beiden Fällen stand die sich neu formierende politische Elite vor der zentralen Herausforderung, die durch die Erfahrungen von Monarchie und Krieg bzw. Diktatur und Krieg geprägte Bevölkerung von der Notwendigkeit eines demokratischen Wandels zu überzeugen.

An dieser Stelle setzt das vorliegende Forschungsprojekt an. Es basiert auf zwei forschungsleitenden Hypothesen: Die erste Hypothese geht davon aus, dass eine nur defizitär entwickelte öffentliche Selbstdarstellung von Staat und Politik entscheidend zur Auflösung der Weimarer Republik mit beigetragen hat. Wie die jüngsten Biographien zu den beiden Reichpräsidenten Friedrich Ebert und Paul von Hindenburg eindrucksvoll darlegen konnten, ließ die betont nüchterne und zurückhaltende Repräsentationskultur des Weimarer Staates und seiner Protagonisten ein Legitimitäts- und Identifikationsvakuum entstehen, welches nach Eberts Tod – mit bekanntlich fatalen Folgen für die erste deutsche Demokratie – zunächst von der öffentlichkeitswirksamen Selbstinszenierung des vermeintlich republikanischen ,Ersatz-kaisers‘ und ,Helden von Tannenberg‘ Hindenburg und wenig später von den Propaganda- und Inszenierungsmaßnahmen der Nationalsozialisten und ihres ,Führers‘ Adolf Hitler gezielt und mit großem Erfolg gefüllt werden konnte. Diese aus demokratiepolitischer Perspektive negative ,Weimarer Erfahrung‘, so die zweite Hypothese, schärfte nach der weltpolitischen Zäsur von 1945 innerhalb der politischen Elite der jungen Bundesrepublik das Bewusstsein für die Bedeutung und Notwendigkeit einer modernen und effizienten politischen Selbst-darstellung und Öffentlichkeitsarbeit. Für diese Annahme spricht die Tatsache, dass so einflussreiche wie prominente politische Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer, Theodor Heuss, Kurt Schumacher, Paul Löbe, Marie-Elisabeth Lüders, Hermann Ehlers oder Carlo Schmid wenigstens zwei Generationen angehörten, die beinahe sämtliche Systemwechsel seit Ende des Kaiserreichs mehr oder weniger bewusst durchlebt hatten, ja teilweise – wie im Falle Adenauers, Löbes oder Lüders – bereits vor dem Schicksalsjahr 1933 eine politische Funktion inne hatten. Aufgrund dieser jeweiligen generationsspezifischen Erfahrungen war sich das politische Spitzenpersonal der zweiten Republik nicht allein der mit einer öffentlichkeitswirksamen politischen „Propaganda” und Selbstdarstellung verbunden Gefahren, sondern auch den damit einhergehenden demokratiepolitischen Chancen bewusst. Für sie stand außer Frage, dass der neuerliche Demokratieversuch durch eine im Vergleich zur Zwischenkriegszeit effizientere, d.h. in erster Linie systemstabilisierende Form der politischen Kommunikation begleitet werden müsse. Diesem Ansinnen entsprach beispielsweise der vergleichsweise medienwirksame, oftmals bewusst symbolisch aufgeladene und zugleich autoritäre Regierungsstil des ersten Bundeskanzlers, dem es laut eines Artikels in den Frankfurter Heften aus dem Jahre 1951 erfolgreich gelungen sei, den obrigkeitshörigen „Hindenburg-Deutschen” mit der demokratischen Staatsform auszusöhnen.

Unter Berücksichtigung der Gegebenheiten in der Weimarer Republik besteht das Hauptziel des Forschungsvorhabens darin, zu analysieren, inwieweit diverse generationsspezifische Erfahrungen mit dem Scheitern der Weimarer Republik in der Gründungs- und Konsolidierungsphase der Bundesrepublik bei den damaligen politischen Eliten einen empirisch nachweisbaren Lernprozess ausgelöst haben und welche konkreten Methoden bzw. Strategien medialer Politikvermittlung und politischer Öffentlichkeitsarbeit auf dieser Erkenntnisbasis mit dem Ziel der Systemstabilisierung bzw. -konsolidierung entwickelt wurden. Folgende Themenbereiche und Untersuchungsschwerpunkte stehen im Zentrum der vergleichend angelegten Studie:

Repräsentation der Verfassungsorgane (Reichspräsident/Bundespräsident; Reichskanzler/Bundeskanzler; Reichstag/Bundestag).
Kommunikation als politische Bildung (Reichszentrale für Heimatdienst/Bundeszentrale für politische Bildung; Reichspresseamt/Bundespressamt)
Staatssymbolik, Zeremoniell, Protokoll
Biographische Pfade von Weimar nach Bonn (Marie Elisabeth Lüders, Paul Löbe, Hermann Ehlers, Otto Lenz)

Das Projekt versteht sich somit als zeithistorischer Beitrag zu einer ,Kulturgeschichte des Politischen‘ (Barbara Stollberg-Rilinger).

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