Amerikanische Kultur(en) der Intelligence: Kulturelle Repräsentationen, öffentlicher Diskurs und militärstrategische Notwendigkeiten, 1914-1950

(Gefördert durch die Gerda Henkel Stiftung, Studienabschlussstipendium der Landesgraduiertenförderung (LGF), Betreuer: Gassert)

Das Dissertationsprojekt untersucht inwieweit sich im Zusammenspiel nationaler Traditionen, Normen und Motivationslagen, kultureller Repräsentationen der Geheimdienste in Literatur und Medien sowie der Praxis nachrichtendienstlicher Arbeit eine spezifisch amerikanische Geheimdienstkultur herausbildete. Kulturelle Repräsentationen der Geheimdienstarbeit in Zeitungen und Belletristik formten in der Entstehungsphase der modernen amerikanischen Geheimdienste nicht nur die gesellschaftlichen Vorstellungen von nachrichtendienstlicher Arbeit; im öffentlichen und fachöffentlichen Diskurs konstruierte Konzepte und Perspektiven zu diesem neuen Militärzweig wirkten darüber hinaus, so die Forschungshypothese, auch direkt auf die Entwicklung eigenständiger Organisationsformen, Zielsetzungen und Reformanstrengungen der amerikanischen Geheimdienste zurück.

Chronologisch fokussiert die Arbeit auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. In der Zeit des Ersten Weltkrieges liegen die Ursprünge der modernen amerikanischen Militärgeheimdienste; in der Zwischenkriegszeit wurde Military Intelligence erstmals zum Gegenstand zahlreicher öffentlicher Publikationen und fachwissenschaftlicher Studien. Die größten Entwicklungsschübe erfuhren die militärischen Nachrichtendienststrukturen in den USA allerdings erst ab 1940. Noch vor Kriegseintritt versuchten die Vereinigten Staaten die sehr heterogenen Auslandsnachrichtendienste erstmals zentral im Office of the Coordinator of Information (ab 1942: Office of Strategic Services/OSS) zu bündeln und  erreichten dadurch binnen kurzem eine bemerkenswerte Professionalisierung und Verwissenschaftlichung.

Mit diesem Prozess ging eine äußerst kontroverse öffentliche Berichterstattung über den neuen Militärzweig einher. Dessen Methoden und Effizienz wurden dabei nicht selten auch unter moralischen Gesichtspunkten kritisiert und bisweilen auch als „unamerikanisch” abgelehnt.  Die grundsätzliche Notwendigkeit nachrichtendienstlicher Tätigkeit wurde dabei gleichzeitig jedoch selten bestritten. Auch das aufstrebende Genre der amerikanischen spy novels war zentraler Teil dieses Selbstverständigungsprozesses in der amerikanischen Öffentlichkeit. Denn auch in der Belletristik zeichnete sich dieses spezifisch-amerikanische Spannungsfeld zwischen dem mutmaßlichen Imperativ klandestiner Tätigkeit angesichts äußerer Bedrohungslagen einerseits und dem Ideal demokratischer Offenheit andererseits deutlich ab.
Diese zwiespältige Wahrnehmung von Intelligence spiegelte sich darüber hinaus auch im Diskurs des Fachpublikums wieder. Die Kommentare regulärer Soldaten und Offiziere in Fachzeitschriften belegen ein weitreichendes Unverständnis für die neue Intelligence-Community in den USA und Skepsis gegenüber dessen „unmilitärischen” Methoden. Dass sich Geheimdienst-Offiziere einem ausgeprägten Rechtfertigungs- und Profilierungsdruck ausgesetzt sahen, manifestiert sich im selben Textkorpus vielfach in einer betont positiven Selbstdarstellung.
Um nachweisbar zu machen, wie die Militär- und Auslandsnachrichtendienste der USA in ihrem nationalen, soziokulturellen Kontext diskursiv bewertet wurden und wie sich vor diesem Hintergrund ihre Außen- und Selbstwahrnehmung gestaltete, werden zwei verschiedene Diskursformen untersucht: Erstens öffentliche, durch Massenmedien und durch die zeitgenössische Populärkultur vermittelte Diskurse (Tageszeitungen; Magazine und zeitgenössische spy novels/spy movies); zweitens die Behandlung des Themas in der Fachöffentlichkeit, mit Schwerpunkt auf der Militärpublizistik (militärwissenschaftliche Wochen- und Monatszeitschriften).
In jeder dieser Diskursformen werden dabei drei herausragende Diskursthemen analysiert: Erstens der Stellenwert der Geheimdienste in Gesellschaft und Militär, zweitens die besonders in der Populärkultur stark personifizierten Sinndeutungen von Intelligence und drittens die nachrichtendienstlichen Erkenntnisinteressen, Informationsquellen und Methoden. Durch die Analyse der drei wichtigsten thematischen Diskurse über die militärischen Nachrichtendienste in zwei verschiedenen Diskursformen, lässt sich für die Vereinigten Staaten somit eine Art  „footprint” der Intelligence-Kultur bestimmen.

Zur Person

Bernhard Sassmann ist Doktorand am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Universität Mannheim. Von 2006 bis 2013 studierte er an der Universität Augsburg Neuere und Neueste Geschichte, Alte Geschichte und Amerikanistik. Daneben absolvierte er ein Lehramtsstudium (Gymnasium) in Englisch und Geschichte. 2009/2010 war er Fulbright-Stipendiat an der University of Pittsburgh, PA.

Sein Promotionsprojekt trägt den Titel: „Amerikanische Kultur(en) der Intelligence: Kulturelle Repräsentationen, öffentlicher Diskurs und militärstrategische Notwendigkeiten, 1914-1950″. Ziel ist die Erstellung einer ersten Kulturgeschichte der frühen amerikanischen Geheimdienste.

Das Projekt wird von der Gerda-Henkel-Stiftung gefördert. Das Deutsche Historische Institut Washington D.C. und der Deutsche Akademische Austauschdienst unterstützen die Forschungsaufenthalte. Seit Oktober 2016 fördert die Landesgraduiertenförderung (LGF) das Projekt mit einem Abschlussstipendium.

Kontakt

Email: bernhard.sassmann@fulbrightmail.org

Forschungsschwerpunkte

– Geheimdienstgeschichte

– Erinnerungsforschung und Ideen- und Mentalitätsgeschichte

– europäische- und transatlantische Zeitgeschichte

Vorträge

“American Culture(s) of Intelligence: Public and Professional Discourses on US-Intelligence between National Strategic Culture and Military Necessities 1914-1950″, Spring Academy des Heidelberg Center for American Studies, Heidelberg, 24.-28. März 2014.

Projektvorstellung, Young Academics Forum der Jahrestagung der Historikerinnen und Historiker der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien, Tutzing, 21.-23. Februar 2014.

„Die amerikanischen Militärnachrichtendienste im Spannungsfeld von strategischer Kultur, gesellschaftlichem Ethos und militärischen Notwendigkeiten 1917-1947”, Forschungskolloquium des Lehrstuhls für die Geschichte des europäisch-transatlantischen Kulturraums der Universität Augsburg, Augsburg, 23. Januar 2014.

“Cultures of U.S. Military Intelligence 1900-1947”, Doctoral Seminar am Deutschen Historischen Institut Washington D.C., Washington D.C., 10. Oktober 2013.

From an “Ugly Necessity” to “Our Key to Defense” ?, Public and Professional Discourse and the Struggle over American Intelligence 1914-1950, Heidelberg Center for American Studies, PhD Colloquium 2014/2015, Heidelberg 29.01.2015

Public and Professional Discourse over American Intelligence, 1914-1947, 21st Annual Conference of the International Intelligence History Association (IIHA), Zagreb 09.05.2015

“Ugly Necessity” oder “Key to Defense” ?, Öffentliche und fachöffentliche Diskurse zu den amerikanischen Nachrichtendiensten zwischen 1914 und 1947, Ruhr-Universität Bochum, 50 Jahre RUB – Kolloquium zur Geschichte der USA, Bochum 02.12.2015

Bureaucratization vs. Publication of the SecretAmerican Intelligence, Politics and the Media 1914-1947, Konferenz “Cultures of Intelligence”, Deutsches Historisches Institut, London 09.06.2016

Publikationen

Neunteiliger Dokumentarfilm im L.I.S.A. Wissenschaftsportal (erscheint 2014):

Kulturen der Geheimdienste (Arbeitstitel), Regie: Peter Prestel,  Drehbuch: Peter Prestel, Projektmitarbeiter/Darsteller: Prof. Dr. Sönke Neitzel, Prof. Dr. Philipp Gassert, Prof. Dr. Andreas Gestrich, Bernhard Sassmann, Frederick Müllers, Michael Rupp, DE: Peter Prestel Filmproduktion 2014, Fassung: Internet (http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/videos.php?nav_id=32) .

Rezensionen

Jeffreys-Jones, Rhodri, In Spies We Trust. The Story of Western Intelligence, Oxford: Oxford University Press 2013, in: sehepunkte (erscheint 2014).

Long, Stephen, The CIA and the Soviet Bloc. Political Warfare, the Origins of the CIA, and Countering Communism in Europe, London / New York: I.B.Tauris 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 9 [15.09.2015] (http://www.sehepunkte.de/2015/09/27130.html)

Konferenzberichte

Sassmann, Bernhard/Schmitt, Tobias, Tagungsbericht: Kulturen der Intelligence, 09.06.2016 – 11.06.2016 London, in: H-Soz-Kult, 29.08.2016 (http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6663)

Sassmann, Bernhard/Schmitt, Tobias, Cultures of Intelligence. Conference co-organized by the University of Potsdam, the University of Leeds, the University of Mannheim, and the German Historical Institute London, held at the GHIL, 9–11 June 2016, in: GHIL Bulletin 38, 2 (2016) (https://www.ghil.ac.uk/bulletin.html)