Die SS und der „Westen” – Die USA und Großbritannien als Feindbilder des SS-Antiliberalismus in Ideologie, Propaganda und weltanschaulicher Schulung

(Universität Augsburg, Betreuer: Gassert)

Gegenstand des Dissertationsprojekts ist die Ideologie der Schutzstaffel der NSDAP. Ziel der Studie ist die Darstellung der weltanschaulichen „Westflanke” der SS, indem die Ursprünge, die Ausprägungen und die Schulungsvorhaben der Schutzstaffel auf diesem Gebiet untersucht werden.

In der Erinnerungskultur der Bundesrepublik, wie auch in der ganz Europas, ist die Schutzstaffel eng mit dem Genozid an ihren erklärten politischen und „rassischen” Gegnern verbunden und steht somit sinnbildlich für den Massenmord an den europäischen Juden. Diese Verbrechen waren es, welche den Blick der Forschung auf diesen Teilbereich der Schutzstaffel fokussierten und die Wahrnehmung der Organisation als autarken Bestandteil des nationalsozialistischen Staates nur spärlich zuließ. Obwohl inzwischen Einzelstudien existieren, welche sich fernab von „populären Narrativen” positioniert haben, wurden bisher bedeutende Forschungsfelder zur SS kaum betreten. Die starke Dominanz der so genannten „Ostenpolitik”, welche für die Schutzstaffel ein wichtiger Bestandteil ihrer Ideologie war, führte dazu, dass der „Westen” innerhalb des „SS-Kosmos” von der Forschung eine vernachlässigte, ja unbeachtete Komponente blieb. Jede Forschungsleistung mit dem Ziel, ein Gesamtbild der Schutzstaffel, ihrer Ideologie und deren Ursprünge zu erstellen, kann ohne die Berücksichtung des „Westens” immer nur unvollständig sein.

Im Wahrnehmungsbereich der Schutzstaffel implizierte dieses Schlagwort einerseits geographisch die westlichen Großmächte, die USA und Großbritannien, und andererseits auch die ihnen zugewiesene „Weltanschauung” des Liberalismus. In ihrer Feindbilddefinition funktionalisierte die Staffel ihre Auffassung von „Liberalismus” um das politische Gegnerspektrum genauer zu spezifizieren. So habe der liberale Gedanke seit der französischen Revolution politisch zur „Demokratie”, wirtschaftlich zum „Freibeutertum”, rassenpolitisch zum „Sieg des Untermenschen” und außenpolitisch zum Aufbau des „bolschewistisch-jüdisch” dominierten „Weltproletariats” geführt. Hieraus leitete der „weltanschauliche Orden” der SS seine Gegenbewegung, den Antiliberalismus ab, welcher als historisch legitim und somit politisch notwendig postuliert wurde.

Die Arbeit wird zwei bedeutende neue Aspekte zur Erforschung der Geschichte der Schutzstaffel der NSDAP beitragen können und somit nicht nur eine entscheidende Forschungslücke schließen, sondern auch weiterführende Studien erst ermöglichen. Einerseits handelt es sich um die erstmalige Untersuchung einer propagandistischen SS-Darstellung der Vereinigten Staaten von Amerika und Großbritanniens als Vertreter des „Westens”. Andererseits wird eine Analyse des Antiliberalismus als wichtige Säule der SS-Weltanschauung durchgeführt.

Die Studie stützt sich auf eine breite Basis archivarischer Quellen, welche bisher nicht oder nur begrenzt auf die Fragestellung von Perzeption und Schulung angewendet worden sind. Es sind ebenfalls epochenübergreifende Aussagen möglich, da umfangreiche Bestände von Printmedien von der Kaiserzeit bis zum Nationalsozialismus ausgewertet werden. Letztlich soll die Arbeit auch einen Anteil zur Erforschung der strukturellen und ideengeschichtlichen Organisation des Nationalsozialismus bieten, indem sie zeigt, wie die SS als eigenständiges Organ innerhalb der nationalsozialistischen Herrschaft ein autarkes Weltbild etablieren konnte.

Zur Person

Nach seiner technischen Berufsqualifikation bei der AUDI AG in Ingolstadt absolvierte Gerhard Wenzl von 2004-2010 ein geisteswissenschaftliches Studium an der Katholischen Universität in Eichstätt. Er studierte die Fachgebiete Neuere und Neueste Geschichte, Alte Geschichte, Geschichte Lateinamerikas und Politikwissenschaften. Der Titel seiner Magisterarbeit lautete: „Das Geschichtsbild der SS – Konstruktion und politische Instrumentalisierung”. Wenzl ist seit 2011 als Lehrbeauftragter der Politikwissenschaften sowie der Neueren und Neuesten Geschichte an der Universität Eichstätt tätig. Sein 2011 initiiertes Dissertationsprojekt an der Universität Augsburg setzt sich mit der Wahrnehmung der Westmächte im autarken Weltbild der Schutzstaffel auseinander. Ferner arbeitet er momentan an einer Veröffentlichung, in welcher die Instrumentalisierung historischer Mythen im Dritten Reich erforscht wird.