Projektbeschreibung

(Universität Mannheim, Betreuer: Gassert)

Das Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit dem hunderttausendfachen Massenmord an kranken und behinderten Menschen während der nationalsozialistischen Diktatur, für den der beschönigende Begriff „Euthanasie“ geprägt wurde. Die Studie verfolgt einen lokalen Ansatz und arbeitet die Geschichte der Stadt Mannheim in diesem Kontext erstmals auf.

Die Stadt Mannheim wird dabei als gesellschaftlicher, politischer und institutioneller Raum zum Untersuchungsgegenstand. Ziel der Arbeit ist es, die Rolle der Stadt im System des „Euthanasie“-Programms auf verschiedenen Ebenen zu analysieren. Dazu gehören Fragen zu Haltung und Handlung der politisch Verantwortlichen, zu Mitwisserschaft und Mittäterschaft städtischer und kirchlicher Institutionen sowie nach gesellschaftlicher Akzeptanz oder Ablehnung des Mordens.

Da bislang keine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung der „Euthanasie“-Verbrechen an Mannheimer Bürgerinnen und Bürgern stattgefunden hat, ist intensive Grundlagenforschung ein wichtiger Bestandteil des Projekts. Zentral ist hierbei der Aufbau einer Datenbank, die möglichst alle Opfer der „Euthanasie“, die in Mannheim geboren wurden oder hier ihren letzten Wohnsitz hatten, erfassen soll. Eine solche Datenbank wird stets work in progress bleiben und auch über den Abschluss der Dissertation hinaus für Ergänzungen und Recherchen zugänglich bleiben. Die Ergebnisse der statistischen Auswertung der Datenbank bilden die Basis des Forschungsprojektes. Daneben sollen auch ausgewählte Einzelschicksale exemplarisch dargestellt werden.

Die Studie eröffnet eine neue Perspektive auf das Forschungsfeld „Euthanasie“, indem sie eine Stadt in den Fokus rückt, in der es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu „Euthanasie“-Morden gekommen ist. In Mannheim gab es weder eine stationäre psychiatrische Anstalt noch Gaskammern, in denen Menschen planmäßig ermordet wurden. Die meisten psychisch Kranken wurden in der etwa 30 km entfernten „Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch“ untergebracht und viele von ihnen von dort aus, oft auf Umwegen über weitere psychiatrische Einrichtungen, in die Tötungsanstalten Grafeneck und Hadamar deportiert. Die Auswirkungen räumlicher Distanz zwischen den Morden und der Heimatstadt der Opfer kann auf diese Weise erstmals tiefergehend erforscht werden.

Das Dissertationsprojekt verfolgt somit ein doppeltes Anliegen: Einerseits soll ein Beitrag zur historischen „Euthanasie“-Forschung entstehen, der durch den Fokus auf eine Stadt, nicht auf eine Anstalt, einen neuen Ansatz bietet. Andererseits versteht sich die Studie als Lokalgeschichte, die einen wichtigen Teil der Mannheimer Geschichte aufarbeitet und den wissenschaftlichen Grundstein für ein würdiges Gedenken an die Opfer legt.

Zur Person:

Lea Oberländer ist seit April 2017 Doktorandin am Lehrstuhl für Zeitgeschichte. Zuvor studierte sie von 2011 bis 2017 Geschichte und Germanistik an der Universität Mannheim sowie an der University of Exeter, Großbritannien. 2017 schloss sie das Geschichtsstudium mit einer Master-Arbeit zum Verhältnis von Hochadel und Liberalismus im 19. Jahrhundert mit dem Titel „Der ‚Coburger Plan‘ – Eine liberale Alternative für Deutschland und Europa? Eine Studie zum Reformansatz monarchischer Repräsentation im 19. Jahrhundert“ am Lehrstuhl für Neuere Geschichte bei Prof. Dr. Erich Pelzer ab.

Ihr Promotionsprojekt befasst sich mit dem nationalsozialistischen Massenmord an kranken und behinderten Menschen aus Mannheim sowie der Rolle der Stadt Mannheim und ihrer Institutionen im System der NS-„Euthanasie“.

Das Projekt entstand in Kooperation mit und wird gefördert durch das Stadtarchiv Mannheim – Institut für Stadtgeschichte sowie durch die Heinrich-Vetter-Stiftung, die Wilhelm-Müller-Stiftung und die Universität Mannheim.

Publikationen:

„Wir sind voll Unruhe – und das ist unser Glück“. Jüdische Jugendbünde 1907–1938, in: Philipp Gassert / Ulrich Nieß u.a. (Hrsg.): Jugendprotest und Jugendkultur im 20. Jahrhundert. Über 100 bewegte Jahre in Mannheim, Mannheim 2017, S. 18–28.