“Sage niemand, er habe es nicht wissen können”: Populärkultur und nukleare Bedrohung der 1980er Jahre

(Universität Augsburg, gefördert vom Elitenetzwerk Bayern, Betreuer: Gassert)

Das Dissertationsprojekt untersucht die Rolle von Populärkultur für die Proteste der Friedensbewegung der 1980er Jahre. Die Debatte um den NATO-Doppelbeschluss und die nukleare Nachrüstung wurde begleitet von einer beachtlichen Welle an Filmen, Musik und Romanen, die sich auf künstlerischem Wege mit Szenarien der totalen (Selbst-)Vernichtung durch einen Atomkrieg auseinandersetzten. Popkultur ist eine etablierte Komponente von Protest – jede soziale Bewegung hat ihre Hymnen und Ikonen. Das Verhältnis von Pop und Protest wandelte sich jedoch in den 1970/80er Jahren. Das Projekt geht diesen Veränderungen in der Protestkultur an Hand einer Auswahl von Fallbeispielen auf die Spur.

Anfang der 1980er Jahre erschienen eine Reihe von “Ernstfall-Romanen”, in denen der mögliche Atomkrieg bis ins kleinste Detail und auf Basis wissenschaftlicher Expertisen durchgespielt wurde. Bücher wie Gudrun Pausewangs Die letzten Kinder von Schwedenborn (1983) oder Anton-Andreas Guhas Ende: Tagebuch aus dem Dritten Weltkrieg (1982) verkauften sich in hohen Stückzahlen. Sie spiegeln nicht nur zeitgenössische Ängste, sondern verhandeln immer auch die Optionen eine bessere Welt und verstanden sich als Aufruf zum Handeln. Die Ergebnisse einer Rezeptionsanalyse legen nahe, dass diese Intention von den Lesern kritisch hinterfragt wurde.

Die nukleare Bedrohung wurde auch im Film verarbeitet und heftig diskutiert. Hier fällt auf, dass zahlreiche amerikanische und britische Produktionen in die Kinos kamen, etwa The Atomic Café (USA, 1982), The Day After (USA, 1983), Threads (GB, 1984) oder When the Wind Blows (GB, 1986), während vergleichbar populäre Film-Apokalypsen in der Bundesrepublik nicht entstanden sind. Dennoch spielte Film als Medium der Aufklärung und Mobilisierung in der Friedensbewegung eine wichtige Rolle. Dokumentarfilme wie Recherche über den Tag X oder Man gewöhnt sich an alles (beide 1982) inszenierten den drohenden nukleare Weltuntergang zwar nicht so effektvoll wie The Day After, weisen jedoch eine Reihe von übergreifende Eigenschaften aufweisen, die typisch für die deutsche Debatte waren, etwa die ständige Bezugnahme auf den Zweiten Weltkrieg oder die intensive Auseinandersetzung mit lokalen Zivilschutzprogrammen.

In der Musik erfasst die Thematik das gesamte Genrespektrum – vom unpolitischen Schlager (Nicole, Ein bisschen Frieden) bis hin zu explizit politischen Protestsongs (Beuys, Sonne statt Reagan). Ähnlich breit gefächert wie das Darstellungsmedium und die Stilrichtung erweist sich die Motivation ihrer Produzenten, vom dezidierten Sprachrohr politischen Widerstands bis hin zur bewussten Kommerzialisierung eines Zeitgeistphänomens. Ein transnationaler Trend der Zeit waren Großveranstaltungen wie Künstler für den Frieden und Perfomers and Artists for Nuclear Disarmament, bei denen nicht mehr nur protesterfahrene Sänger wie Hannes Wader oder Franz-Josef Degenhardt auf der Bühne standen, sondern auch  Popstars wie Udo Lindenberg und Peter Maffay. Diese Friedensfestivals sind im Kontext einer in den 1970/80er Jahren breiter werdenden und sich professionalisierenden Protestkultur zu sehen, die Künstler für oder gegen bestimmte politische Themen in Stellung brachte (vgl. Rock Against Racism, Life Aid, Artists United Against Apartheid, etc) Ebenso wichtig wie die Charterfolge war die Musikkultur an der Basis der Friedensbewegung, die an Hand von grauer Literatur, Flugblättern und Liederbüchern analysiert wird.

Erste Ergebnisse sind in folgendem Aufsatz erschienen: Nukleare Untergangsszenarien in Kunst und Kultur, in: Christoph Becker-Schaum, Philipp Gassert, Martin Klimke, Wilfried Mausbach und Marianne Zepp (Hg.), „Entrüstet Euch“: Nuklearkrise, Nato-Doppelbeschluss und Friedensbewegung, Paderborn: Schöningh 2012, S. 325-338.

Kurz-CV (PDF)