„Do We Still Need Europe?“ Neokonservative Europabilder und transatlantische Entfremdung von den 1970er Jahren bis ins 21. Jahrhundert (Arbeitstitel)

Gefördert von der Gerda-Henkel-Stiftung

Philipp Scherzer, Universität Mannheim

(Betreuer: Prof. Dr. Gassert)

 

Abstract

 

Zu Beginn des 21. Jahrhundert erfasste eine Welle heftiger Europakritik die amerikanische Öffentlichkeit. Neokonservative Autoren prägten und förderten diese Debatten maßgeblich und griffen hierbei auf europaskeptische Topoi zurück, die in den Reihen dieses intellektuellen Umfelds seit Anfang der 1970er Jahre entwickelt wurden. Im Sinne einer zeitgeschichtlichen Problemgenesegeschichte möchte ich in meinem Dissertationsprojekt die Entstehung, Entwicklung und Wirkung der neokonservativen Europakritik untersuchen. Methodisch setzt meine Untersuchung auf eine Kombination von Erkenntnisinteressen und Fragestellungen aus den Bereichen Diskursanalyse, Rezeptionsgeschichte und intellectual history, um die Europabilder der neokonservativen Intellektuellen in ihrer Komplexität erfassen und einordnen zu können.

Das Forschungsinteresse ist geleitet von der Annahme, anhand des Untersuchungsgegenstandes und -zeitraumes vorliegende historiographische Standardnarrative und ihre leitenden Periodisierungsangebote in Frage stellen zu können. Die Quellenfunde deuten erstens darauf hin, dass die These Klaus Schwabes einer „kopernikanischen Wende“ amerikanischer Europabilder nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs relativiert werden muss. Die ideell-diskursive und politische Annäherung Amerikas an die Alte Welt kannte deutliche Grenzen, wie die europakritischen Topoi der Neokonservativen mit ihrer erkennbaren inhaltlichen und argumentativen Nähe zu dem in amerikanischen Gründungsmythen begründeten kulturellen Anti-Europäismus bezeugen. Dieses resistente Bilderreservoir bestand, wie ein Blick auf die neokonservativen Debatten zeigt, trotz umfänglicher geopolitischer Veränderungen nach 1945 weiter. Zweitens schafft diese veränderte Perspektive zugleich die Grundlage dafür, auch die zweite historiographische Leitthese amerikanischer Europabilder im 20. Jahrhundert, den Zusammenbruch der Sowjetunion als Fundament eines in den letzten Jahren vieldiskutierten transatlantic drift zu verstehen, hinterfragen zu müssen. Die von der Literatur vielfach auf durch den Wegfall des gemeinsamen Feindbildes zurückgeführten transatlantischen Entfremdungstendenzen lassen sich innerhalb der neokonservativen Diskurse deutlich weiter zurückverfolgen und zeigen sich etwa bereits in Reaktionen zur Nachrüstungsdebatte Anfang der 1980er Jahre in aller Deutlichkeit.

Die Heterogenität neokonservativer Standpunkte und Denkweisen zeigt sich in der Vielschichtigkeit der vorzufindenden Ansichten und Urteile über Europa. Nichtsdestotrotz hat die bisherige Quellensichtung einige grundsätzliche Tendenzen ihrer Europakritik zu Tage gefördert. So lässt sich im Umfeld der einflussreichen Monatszeitschrift Commentary, maßgeblich vom Historiker Walter Laqueur geprägt, die Fundamentlegung neokonservativer Europakritik zu Beginn der 1970er Jahre beobachten. Die zahlreichen Artikel des Journals das Bild eines politisch zerstrittenen, wirtschaftlich geschwächten und politisch impotenten Kontinents, der tatenlos einem langsamen aber stetigen Untergang entgegenblickt.

Ab Mitte der 70er Jahre findet sich im gesamten neokonservativen Umfeld im Rahmen ihrer Détente-Kritik eine Diskursstrategie, die die zeitgenössische Annäherungspolitik an die Sowjetunion mithilfe deren Gleichstellung mit der französischen und britischen Appeasement-Politik gegenüber Hitler seit Mitte der 1930er Jahre zu diskreditieren versucht. Exemplifiziert am Münchner Abkommen von 1938 erörterten neokonservative Autoren mit beachtlicher Ausdauer und Nachdruck die zu erwartenden Konsequenzen einer „europäischen“ Außenpolitik und vermittelten anhand dieser Analogie und dem Verweis auf ein Weiterwirken entsprechender politischer Wertvorstellungen in Europa eine fundamentale Skepsis gegenüber der Alten Welt.

Zu Beginn der 1980er Jahre führt das angespannte transatlantische Klima im Kontext der Nachrüstungsdebatte zu einer Eskalation neokonservativer Europakritik. Mit Entsetzen reagierten neokonservative Beobachter auf Entstehung und Wirken der europäischen Friedensbewegung, welche als Symptom eines willensschwachen und orientierungslosen Kontinents betrachtet wurde. Grassierender Antiamerikanismus und das Selbstverständnis Europas als Opfer von Zerstörungsfantasien und Planspielen zweier selbstsüchtiger Großmächte waren aus Sicht vieler Neokonservativer Zeichen fortgeschrittener politischer Verwirrtheit und kultureller Dekadenz, die unter dem Schutzschirm der USA gediehen waren.

Nach dem Ende des Kalten Kriegs lässt sich eine Ausdifferenzierung der neokonservativen Europakritik feststellen, die nun neben bekannten politischen Argumenten vermehrt, demographische, wirtschaftliche und kulturelle Verfehlungen Europas in den Blick nimmt, die in den Jahrzehnten zuvor aufgrund der Priorität des Politischen im „Cold War Framework“ des Neokonservativen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erfuhren.

Insbesondere Erkenntnisse aus der aktuellen Antiamerikanismus-Forschung sollen dabei helfen, Gestalt und Intention der neokonservativen Europakritik verständlich zu machen. Denn wie das Verhandeln Amerikas in europäischen Gesellschaft oftmals der Verarbeitung von wahrgenommenen Problemkonstellationen in der Heimat diente und dient, so ist ein zentrales Motiv der neokonservativen Auseinandersetzung mit Europa dessen diskursive Verhandlung als „das Andere“ im Sinne eines zentralen Referenzpunktes, an dem etwa die Erfolge amerikanischer Wirtschaftspolitik gemessen oder die Irrwege der Kissinger’schen Außenpolitik aufgezeigt werden konnten. „Europa“ scheint, darauf deuten diese ersten Ergebnisse hin, eine ähnliche Funktion innerhalb des amerikanischen Diskurses einzunehmen, wie es die Forschung mit Blick auf „Amerika“ im europäischen Kontext eindrücklich demonstriert hat.

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