Amerikanische Präsidenten als Projektionsfläche für europäische Ängste und Ideale seit dem Ende des Kalten Krieges in den westeuropäischen Medien

(Gefördert durch die Friedrich-Ebert-Stiftung, Betreuer: Gassert)

Das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Europa besteht einerseits in realen politischen Beziehungen, andererseits gibt es im Bezug aufeinander auch eine ausgeprägte imaginative Ebene. Im europäischen Amerikabild wird in der Regel nicht nur „Amerika” als Symbol verhandelt, sondern auch ein europäisches Selbstbild konstruiert. Gerade seit dem Ende des Kalten Krieges und dem Wegfall der sicherheitsstrategisch notwendigen Partnerschaft ist eine Entfremdung in der transatlantischen Allianz beobachtbar. Gilt die „westliche Wertegemeinschaft” beim Antritt von Präsident Bill Clinton noch als selbstverständlich, wird dies im Kontext der Präsidentschaft George W. Bushs grundsätzlich infrage gestellt. Und selbst unter dem in Europa so gefeierten Präsidenten Barack Obama scheint die transatlantische Allianz plötzlich maßgeblich an Bedeutung zu verlieren. Parallel zur Distanzierung zwischen Amerika und Europa wird die Vertiefung der europäischen Integration ausgestaltet. Dieser Prozess bringt die Notwendigkeit einer europäischen Identität zur Legitimation und Konsolidierung der europäischen Union hervor, die sich zunehmend durch Abgrenzung von Amerika konstituiert.

Mein Dissertationsprojekt wird den Prozess der ideellen Neudefinition des europäisch-amerikanischen Verhältnisses seit dem Ende des Kalten Krieges durch eine Analyse der westeuropäischen Diskurse über die US-Präsidenten und „Amerika” historisch und politisch erforschen. Die Debatte werde ich ausgehend von der Perspektive der Konstruktion nationaler Selbst- und Fremdbilder untersuchen und die projektiven Anteile im europäischen Blick auf „Amerika”, vermittelt über die Wahrnehmung der amerikanischen Präsidenten, identifizieren.

Die Arbeit wird zwei Fragekomplexe fokussieren: (1) Wie werden die transatlantischen Beziehungen in den europäischen Medien charakterisiert und bewertet? Welche Bedeutung kommt darin dem amerikanischen Präsidenten, seiner Politik und Persönlichkeit, zu und in welchem Verhältnis steht diese Figur zum positiven oder negativen Symbol „Amerika”? Ist das Amerikabild statisch oder flexibel? Wie verändern sich Argumentationsstrategien im Kontext sich wandelnder internationaler Machtkonstellationen und nationaler Interessenpolitik? (2) Im nächsten Schritt möchte ich herausarbeiten, welche Selbstbilder von Europa – spezifischer von westeuropäischen Regierungen und Gesellschaften – in diesem Kontext artikuliert werden. In welchem Verhältnis stehen nationale und europäische Identitäten? Wie sind diese jeweils zu Amerika positioniert und welche Rolle kommt darin innereuropäischen Konflikten zu? Gibt es eine Diskrepanz zwischen den europäischen Idealen und der politischen Praxis? Worin besteht die Attraktivität für die europäischen Gesellschaften, ihr Selbstverständnis trotz der vielen Gemeinsamkeiten vor allem durch Abgrenzung von den USA zu formulieren?

Diese Fragen möchte ich durch eine empirische Analyse der Darstellungen von Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama in britischen, deutschen und spanischen Print- und Onlinemedien beantworten. Ziel ist es, mögliche Veränderungen in der europäischen Wahrnehmung der USA aber auch die Ambivalenz und Flexibilität von Vorurteilsstrukturen sowie kollektiver Identitätsbildung aufzuzeigen. Die Arbeit soll einen Beitrag zur präziseren Unterscheidung zwischen Antiamerikanismus und der Artikulation politischer Differenzen im transatlantischen Verhältnis einerseits und zur allgemeinen Forschung zu kollektiver Identitätskonstruktion andererseits leisten.

Zur Person

Ruth Hatlapa arbeitet an ihrer Dissertation „Amerikanische Präsidenten als Projektionsfläche für europäische Ängste und Ideale seit dem Ende des Kalten Krieges in den westeuropäischen Medien” am Historischen Institut der Universität Mannheim. Sie hat Kulturwissenschaften, Politikwissenschaften und Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Freien Universität Berlin studiert. Neben ihren akademischen Aktivitäten engagiert sie sich in Bildungsprojekten gegen Antisemitismus.

Publikationen

(2013) (mit Mehmet Can, Karoline Georg): Challenges and Opportunities of Educational Concepts concerning National Socialist Crimes in German Immigration Society, in: Jikeli, Günther, et al (eds): Muslim perceptions on the Holocaust, New York/Berlin/London.

(2012) (mit Andrei S. Markovits): Europäische Obamania als Kehrseite eines beständigen Antiamerikanismus. Deutschland als Pars pro toto, in: Erkner, Linda, et al (eds.): Update! Perspektiven der Zeitgeschichte. Zeitgeschichtetage 2010, Innsbruck/Wien, S. 471-479.

(2010) (mit Adibeli Nduka-Akwu): „Schutzgebiet”; „Schutzvertrag”; „Schutztruppen”, in: Hornscheidt, Antje; Nduka-Akwu, Adibeli (Hg.): Rassismus auf gut Deutsch. Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen, Frankfurt a.M., S. 179-186.

(2010) (mit Andrei S. Markovits): Obamamania and Anti-Americanism as Complementary Concepts in Contemporary German Discourse, in: German Politics and Society, Vol. 8, Nr. 1, S. 69-94.

(2009) (mit Andrei S. Markovits): Obamamania and anti-Americanism, in: Aspenia, Nr. 45-46, S. 166-175.

(2007): Eugen Fischer, in: Hoffmann, Jessica; Megel, et al (eds.): Dahlemer Erinnerungsorte, Berlin: Frank & Timme, 171-183.