Die US-Armee zwischen Wehrmacht und Bundeswehr. Die Ulmer/Neu-Ulmer Garnisonen in Friedenszeiten

(Universität Augsburg, Betreuer: Gassert)

Ulm hat eine alte, in die frühe Neuzeit zurückreichende Tradition als Militärstadt. Seit der Errichtung der Bundesfestung 1815 prägten militärische Bauten auch über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg das Stadtbild von Ulm und Neu-Ulm: Ulm zählte in der Weimarer Zeit zu den größten Standorten der nach dem Versailler Vertrag stark reduzierten Reichswehr. Es erhielt im Kontext der Aufrüstung der Wehrmacht in der NS-Zeit zahlreiche weitere Kasernenbauten, die in der Nachkriegszeit zuerst US-amerikanische Mannschaften übernahmen und dann ab 1956 zum Standort des Korpskommandos des II. Korps der Bundeswehr wurden.

Neu-Ulms städtischer Aufstieg begann erst mit dem Bau der Bundesfestung und war dadurch ökonomisch und gesellschaftlich von Beginn an auf die Garnison ausgerichtet. Aufgrund der Militärbeschränkungen nach dem Ersten Weltkrieg verlor die Stadt ‚ihre’ Soldaten, wurde aber ein Jahr nach der NS-„Machtergreifung” wieder ein Militärstandort mit neuen Kasernen. Nach dem Zweiten Weltkrieg bezogen diese die amerikanischen GIs. Nach der Gründung der Bundeswehr wurden seit 1956 erneut deutsche Einheiten in Ulmer Kasernen stationiert. Daher verlagerte sich das dortige Kontingent der US-Armee vollständig auf die Stadt Neu-Ulm, die somit bis 1991 zur US-Garnison wurde, während Ulm nun eine deutsche Garnisonsstadt war.

Die durchgehende militärische Präsenz mit mehrfach wechselnden Armeen wirft die Frage auf, inwieweit die Garnison als städtebaulicher und ökonomischer Entwicklungsfaktor fungierte und wie Soldaten und das Militär das soziale Leben der Ulmer und Neu-Ulmer beeinflussten oder gar gestalteten. Ausgehend von der These, dass sich der Trennungsgedanke – einerseits Militär, andererseits Bevölkerung – aufgrund der zahlreichen gewollten wie ungewollten Berührungspunkte nicht aufrecht erhalten lässt, möchte dieses Projekt durch den Vergleich des Umgangs der Bewohner und der Stadt mit Reichswehr, Wehrmacht, US Army und Bundeswehr Muster der zivil-militärischen Interaktion in einer Garnisonsstadt identifizieren. Einen besonderen Reiz erhält die Untersuchung auch dadurch, dass nach dem Zweiten Weltkrieg zwei unterschiedliche Armeen (US-Armee und Bundeswehr) gleichzeitig in Ulm/Neu-Ulm stationiert waren.

Bis heute prägen militärischen Bauten das Gesicht der beiden Städte, worunter die nach 1933 bzw. 1945 neu gebauten Kasernen zählen, aber v. a. auch die noch von der Bundeswehr genutzte Bundesfestung. Hinzu kommen neben den ‚eigentlichen’ militärisch genutzten Gebäuden im engeren Sinne, noch die zivilen Unterkünfte für die zahlreichen Heeresangehörigen. Klagen über Wohnraumknappheit gab es aber nicht erst seit dem Auftauchen der Amerikaner, als ganze Stadtviertel zu housing areas erklärt wurden, sondern schon zuvor in der Wehrmachtszeit.

Militär stellt einen wirtschaftlichen Faktor dar. Hierbei ist die ökonomische Entwicklung Neu-Ulms interessant, da diese originär auf die Garnison und die Soldaten eingestellt war und nach dem Ersten Weltkrieg trotz des Wegfalls von 2 500 Soldaten einen kontinuierlichen Aufschwung erlebte: Die Zahl von Gewerbe und Industrie stieg an, was zeitweise sogar zu Arbeitskräftemangel führte. Die massive Zerstörung beider Städte im Zweiten Weltkrieg führte zu einer notdürftigen zivilen Belegung der Kasernen, worunter sich auch Betriebe befanden. Diese wurden durch die Requirierungen der US-Armee in ein groß angelegtes Betriebsverlagerungsprogramm gezwungen, worauf aber eine raschere Erschließung eines weiteren Industriegebiets folgte, was die traditionelle Struktur Ulms als Garnisonsstadt zuvor verhindert hatte.

Durch die endgültige Formierung der Reichswehr 1921 traten die Teile des in Ulm garnisonierten Reichsheeres z. B. durch Sport- und Turnierveranstaltungen mit Stadt und Bevölkerung in Interaktion, was sich nach der Machtergreifung mit der Wehrmacht intensivierte und zugleich weitere Festlichkeiten und Paraden nach sich zog. Als die Ulmer/Neu-Ulmer Kasernen zu Beginn der 1950er Jahre mit US-Soldaten belegt wurden, verpflichtete die weltpolitische Lage die GIs als Repräsentanten des westlichen Systems zur Rollentransformation vom „Besatzer zum Beschützer” (Hans-Jürgen Schraut) und somit zur verordneten positiven Nachbarschaft. Die deutsche Wiederbewaffnung führte kurzzeitig zur Doppelbelegung der Kasernen, bis sich die Bundeswehr auf Ulm und die US-Armee auf Neu-Ulm konzentrierte. Die Umstellung der Amerikaner auf eine Berufsarmee, der Vietnamkrieg, die schwarze Bürgerrechtsbewegung und der Verfall des Dollars wirkten sich auch in Deutschland aus, denn Ausschreitungen und Drogenkonsum in der Armee nahmen zu, weshalb sich die Beziehungen zur Bevölkerung abkühlten. Mit dem NATO-Doppelbeschluss erreichte die Friedensbewegung auch in den Donaustädten einen Höhepunkt, der zu Demonstrationen und Blockaden vor den US-Kasernen führte. Nach sechs Jahren wurden die Pershing-II-Raketen wieder abgezogen und der US-Standort offiziell 1991 geschlossen, womit die amerikanische Präsenz in Neu-Ulm ein Ende fand.

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