Europas Antwort auf Amerikas SDI –Die Reaktionen der westeuropäischen Partner auf Ronald Reagans Strategic Defense Initiative’ (SDI) im transatlantischen und diplomatiehistorischen Kontext der 1980er Jahre

(Betreuer: Philipp Gassert)

Das Dissertationsprojekt geht der Fragestellung nach, wie sich die diplomatischen Reaktionen und politischen Antworten auf die Strategische Verteidigungsinitiative (SDI) in und zwischen Westdeutschland, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden entwickelten; inwiefern die europäischen Regierungen einen gemeinsamen Konsens hinsichtlich der Mitarbeit an SDI finden konnten und bis zu welchem Grad sie sogar in der Lage waren eine kollektive Antwort zu harmonisieren. Die Arbeit verknüpft so die Reaktionen der westeuropäischen Regierungen mit den Dynamiken des Kalten Kriegs der 1980er Jahre und setzt diese in einen transatlantischen und diplomatiehistorischen Kontext

Am 23. März 1983 brachte der amerikanische Präsident Ronald Reagan die strategische Gleichung der Abschreckung, festgehalten durch den ABM-Vertrag, ins Wanken, in dem er im nationalen Fernsehen seine sog. „Star Wars“-Rede hielt und das Forschungsprogramm Strategic Defense Initiative (SDI) ankündigte. Reagan sprach von der Vision mithilfe eines im Weltraum stationierten Schutzschilds Raketen abwehren zu können und somit Nuklearwaffen gänzlich obsolet zu machen, um letztendlich den Ausbruch eines Nuklearkriegs von vornherein zu verhindern. Die weltraumbasierte Raketenabwehr schien jedoch noch in den 1980er Jahren in weiter Ferne zu liegen und somit lieferte Reagans „Star Wars“-Rede einen Startschuss für ein großangelegtes Forschungsprogramm, das die technischen Möglichkeiten erarbeiten sollte. Reagan plante das Forschungsprojekt zu einem multilateralen und transnationalen Programm zu erweitern. In seiner Fernsehansprache richtete er sich deshalb nicht nur an die amerikanischen WissenschaftlerInnen, sondern auch an die Atlantische Gemeinschaft und ganz explizit an die westeuropäischen Partner, die durch das Verteidigungssystem ebenfalls vor Raketenangriffen geschützt werden sollten.

SDI löste im Laufe der 1980er Jahren in den USA und in Westeuropa politische Debatten aus, wodurch die Idee der strategischen Verteidigung zunehmend zu einer politischen Realität heranwuchs, der sich die westeuropäischen Regierungen stellen und Position beziehen mussten. Die Auswirkungen von SDI auf die wirtschaftliche, industrie-, strategie-, sicherheits- und außenpolitische Situation in der Bundesrepublik, Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden schienen kurz nach Reagans Ankündigung 1983 nicht abschätzbar. Deshalb hatte es ausführlichen Konsultationen bedurft, um die womöglich weitreichenden Folgen bei einer Beteiligung an SDI einschätzen und bewerten zu können. Auch mehr als 30 Jahre nach Reagans Ankündigung wirft die strategische Verteidigungsinitiative die Frage auf, wie Westeuropa auf diese geplante Abwandlung der Abschreckungsstrategie reagierte und welche Folgen dies beinhaltete.

Im Verlauf der 1980er Jahre entwickelte sich die Diskussion um eine mögliche Teilnahme an SDI zu einem bleibenden Thema zwischen den Regierungen von Margaret Thatcher, Francois Mitterrand, Helmut Kohl und Ruud Lubbers. Die westeuropäischen Politiker_Innen und Diplomat_Innen versuchten in regelmäßigen bilateralen und multilateralen Gesprächen (z.B. deutsch-französische sicherheitspolitische Zusammenarbeit; Vierergespräch der Politischen Direktoren) und Verhandlungen in unterschiedlichen Konstellationen und Institutionen (z.B. NPG, WEU, NATO, EPZ) Vor- und Nachteile einer Teilnahme an SDI abzuwägen und über mögliche Konsequenzen zu diskutieren, die sich für die Atlantische Gemeinschaft hätten ergeben können, wenn sich die westeuropäischen Partner gegen, bzw. für eine Beteiligung an SDI entschieden. Diese diplomatischen Diskussionen, die die Frage nach SDI in den 1980er Jahren hervorgerufen hatte, spiegeln die transatlantischen sowie innereuropäischen Beziehungen zum Ende des Kalten Kriegs wider. Ferner zeigt diese politische Debatte die Bedeutung der transatlantischen Kooperation auf und rückt gleichzeitig die Frage nach einer westeuropäischen Sicherheitspolitik in den Vordergrund, die zu diesem Zeitpunkt innerhalb der Europäischen Gemeinschaft nicht in der heutigen Form existierte.

Das Dissertationsprojekt setzt die Diskussionen um SDI in einen diplomatiehistorischen und transatlantischen Zusammenhang, der verdeutlicht, dass Reagans Verteidigungsinitiative nicht auf einer bloßen nationalstaatlichen Ebene die Regierungen zu Antworten und Entscheidungen gedrängt hat, sondern diese auch ein wachsendes Bewusstsein für eine europäische Sicherheitspolitik geweckt haben. Durch den multiperspektivischen und multilateralen Ansatz können exemplarisch anhand von den Reaktionen auf SDI die transatlantischen Beziehungen der 1980er Jahre und die westeuropäische Kooperation aufgezeigt werden.

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