In enger Zusammenarbeit mit dem Stadtarchivs Mannheim – Institut für Stadtgeschichte ist am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Universität Mannheim im April 2017 ein neues Forschungsprojekt angelaufen, das sich mit dem hunderttausendfachen Massenmord an kranken und behinderten Menschen während der nationalsozialistischen Diktatur beschäftigt. Die Studie verfolgt einen lokalen Ansatz und arbeitet die Geschichte der Stadt Mannheim im Kontext der „Euthanasie“ erstmals auf. Für die Bearbeitung des Themas stellen die Heinrich-Vetter-Stiftung, die Wilhelm-Müller-Stiftung, das Stadtarchiv Mannheim – ISG sowie die Universität Mannheim großzügig ein Promotions-Stipendium zur Verfügung. Damit ist die Dissertation bis zu ihrem geplanten Abschluss im Frühjahr 2020 vollständig finanziert. Wissenschaftlich betreut wird die Arbeit durch Herrn Prof. Dr. Philipp Gassert, Frau Prof. Dr. Angela Borgstedt (Universität Mannheim) sowie durch Herrn Prof. Dr. Ulrich Nieß (Leiter des Stadtarchivs Mannheim – ISG).

Untersuchungsgegenstand ist die Stadt Mannheim als gesellschaftlicher, politischer und institutioneller Raum. Die Arbeit hat zum Ziel, die Rolle der Stadt im System des „Euthanasie“-Programms auf verschiedenen Ebenen zu analysieren. Dazu gehören Fragen zu Haltung und Handlung der politisch Verantwortlichen, zu Mitwisserschaft und Mittäterschaft städtischer und kirchlicher Institutionen sowie nach gesellschaftlicher Akzeptanz oder Ablehnung des Mordens.

Da bislang keine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung der „Euthanasie“-Verbrechen an Mannheimer Bürgerinnen und Bürgern stattgefunden hat, ist intensive Grundlagenforschung ein wichtiger Bestandteil des Projekts. Zentral ist hierbei der Aufbau einer Datenbank, die möglichst alle Opfer der „Euthanasie“, die in Mannheim geboren wurden oder hier ihren letzten Wohnsitz hatten, erfassen soll. Eine solche Datenbank wird stets work in progress bleiben und auch über den Abschluss der Dissertation hinaus für Ergänzungen und Recherchen zugänglich bleiben. Die Ergebnisse der statistischen Auswertung der Datenbank bilden die Basis des Forschungsprojektes. Daneben sollen auch ausgewählte Einzelschicksale exemplarisch dargestellt werden.

Die Studie eröffnet eine neue Perspektive auf das Forschungsfeld zur „Euthanasie“, indem sie eine Stadt in den Fokus rückt, in der es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu „Euthanasie“-Morden gekommen ist. In Mannheim gab es weder eine stationäre psychiatrische Anstalt noch Gaskammern, in denen Menschen planmäßig ermordet wurden. Die meisten psychisch Kranken wurden in der etwa 30 km entfernten „Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch“ untergebracht und viele von ihnen von dort aus, oft auf Umwegen über weitere psychiatrische Einrichtungen, in die Tötungsanstalten Grafeneck und Hadamar deportiert. Die Auswirkungen räumlicher Distanz zwischen den Morden und der Heimatstadt der Opfer kann auf diese Weise erstmals tiefergehend erforscht werden.

Das Dissertationsprojekt verfolgt somit ein doppeltes Anliegen: Einerseits soll ein Beitrag zur historischen „Euthanasie“-Forschung entstehen, der durch den Fokus auf eine Stadt, nicht auf eine Anstalt, einen neuen Ansatz bietet. Andererseits versteht sich die Studie als Lokalgeschichte, die einen wichtigen Teil der Mannheimer Geschichte aufarbeitet und den wissenschaftlichen Grundstein für ein würdiges Gedenken an die Opfer legt.