Lehrveranstaltungen im FSS 2017

Vorlesung und Übung: “Die bewegten Republiken: Protest in Deutschland seit 1945”

Prof. Dr. Philipp Gassert

Protest und Protestbewegungen haben Politik und Gesellschaft in Deutschland seit 1945 geprägt. Die Demokratieforschung hebt den zentralen Beitrag von Protest zur Entwicklung eines demokratischen Selbstverständnisses hervor. Die Vorlesung fragt nach Entstehungsgründen, Verlauf und langfristigen Wirkungen von Protest. Berücksichtigung finden u.a. die Proteste der unmittelbaren Nachkriegszeit gegen die Besatzungsmächte, die Auseinandersetzungen um die Wiederbewaffnung in der jungen Bundesrepublik, Jugendproteste, der Protest in der DDR gegen die SED-Herrschaft in den 1950er Jahren und die Bedeutung von Protest für den Umbruch von 1989/90. Schwerpunkt der Darstellung sind die „neuen sozialen Bewegungen“, die, ausgehend von „1968“, in den 1970er Jahren entstanden sind und zu denen etwa die Frauen-, die Anti-Atom-, die Umwelt- und die neue Friedensbewegung gehören bzw. jüngst globalisierungskritische Ansätze. Durchgängig thematisiert werden die klassischen Formen sozialen Protests wie Streiks und Arbeitskonflikte, einschließlich der sogenannten Gastarbeiterstreiks. Überdies soll die Übernahme bestimmter Protestformen durch etablierte Parteien und den modernen (Rechts-)Populismus thematisiert werden.

Die Übung vertieft die Vorlesung in inhaltlicher Hinsicht durch die Diskussion der Vorlesung und die Lektüre von ausgewählten Quellen. Didaktische Ziele sind die Einübung einer Fragetechnik zu historischen Präsentationen und Vorträgen sowie die Übung von Diskussionsverhalten in wissenschaftlichen Kontexten. Hinzu kommt eine Vertiefung des Verständnisses des historischen Begriffs von Quelle und von Techniken der mündlichen und schriftlichen Interpretation von Quellen.

Hauptseminar: “Erinnerungen an das Mannheimer Amerika: Das Projekt Zeitstromhaus”

Prof. Dr. Philipp Gassert

Das für Master-Studierende verpflichtende Projektseminar erstreckt sich über zwei Semester und wird sich 2017 mit der Methode der Oral History am Besipiel der amerikanischen Präsenz und der Region Rhein-Neckar befassen. Es wird gemeinsam mit Peter Wellach unterrichtet, Geschäftsführer des Entwicklungsstudios beier+wellach projekte, das für die Stadt Mannheim das Projekt „Zeitstrom“ konzipiert und beratend begleitet. Zeitstrom betreibt aktive Erinnerungsarbeit mit ganz unterschiedlichen Projekten auf den Konversionsflächen und im Mannheimer Stadtraum.
Im Rahmen des Projektseminars werden die Studierenden sowohl in die theoretischen und geschichts-didaktischen Voraussetzungen und Diskussionen als auch in die praktischen Techniken der „Oral History“ anhand von Zeitzeugeninterviews eingeführt. Diese reichen von der inhaltlichen Vorbereitung, der Recherche und Kontaktaufnahme zu Zeitzeug_innen, der Erarbeitung eines Interview-Leitfadens bis zur Durchführung eines Interviews (Audio/Video), dessen Transkription, redaktionellen Aufbereitung für eine Nutzung im Ausstellungskontext mit beigeordneten Exponaten sowie für eine mögliche Online-Veröffentlichung. Für die filmischen Aspekte arbeiten wir mit einem Dokumentarfilmer zusammen.
Die Sammlung soll Grundlage für die Entwicklung einer Zeitzeugenbörse im Sinne eines Citizen Science Projektes sein und im Weiteren auch mit anderen Themen gefüllt werden sowie für Schulen nutzbar sein.

Weitere Informationen:
„Zeitstrom“ auf der Website von beier + wellach  und auf der Website der MWSP

Proseminar: “Die Anfänge der europäischen Integration bis zum Vertrag von Maastricht 1992”

Prof. Dr. Philipp Gassert

Das Seminar befasst sich mit der Geschichte der europäischen Integration seit 1945 bis zum Unionsvertrag von Maastricht 1992, mit Fokus auf den institutionellen Entwicklungen, die zur heutigen Europäischen Union führten. Angerissen werden auch die Vorgeschichte vor 1945, die ersten Versuche institutioneller Verbindungen in der Nachkriegszeit (Europarat, Marshall-Plan, OEEC), die Rolle der USA als „Geburtshelfer Europas“, die katalytische Wirkung des Kalten Kriegs sowie die Entwicklungen hin zu EGKS, EWG, die Krise der 1960er und 1970er Jahre sowie der Wiederaufstieg des Europäischen Projekts seit den 1980er Jahren; schließlich die enorme Vertiefung, die die europäische Integration nach dem Fall der Mauer 1989/90 erfahren hat. Diskussionspunkte sind auch die Entwicklung der „europäischen Idee“. Das Proseminar führt zugleich in die Methoden und Praxis des geschichtswissenschaftlichen Arbeitens ein.

Proseminar: ” ‘Volksgemeinschaft’ – Geschichte eines Konzepts”

Dr. Maria Alexopoulou

Neuere Forschungen gehen davon aus, dass die Vorstellung einer „Volksgemeinschaft“ eine der zentralen Propagandaformeln und Leitbegriffe des NS-Regimes war. Die Vision einer jenseits politischer und sozialer Differenzen, weil „völkisch“ einheitlichen Gemeinschaft genoss große Popularität. Die integrative Wirkung dieses Konzepts kann erklären, wie die NS-Diktatur auch unabhängig von Zwangsmechanismen sehr große Teile der deutschen Bevölkerung emotional an sich binden konnte. Der Begriff hatte dabei eine längere Vorgeschichte und ein Nachleben, die wir in diesem Proseminar ebenso in den Blick nehmen wollen.
Welche Bedeutungen und Implikationen hatte dieser Begriff bereits im Kaiserreich und besonders auch im und nach dem Ersten Weltkrieg? Wie wurde er von allen politischen Parteiungen in der Weimarer Republik auch gegen die parlamentarische Demokratie eingesetzt? Wie haben ihn die Nationalsozialisten instrumentalisiert und genutzt? In welcher Weise hat sich die „Volksgemeinschaft“ im Dritten Reich „materialisiert“? Wo blieb sie reine Fiktion? In welchen Formen hat der Gedanke der „Volksgemeinschaft“ auch nach Ende des Krieges im Verborgenen oder offen – etwa im Begriff der „Schicksalsgemeinschaft“ – weitergelebt? Stehen völkische Konzepte, derer sich etwa die AfD bedient, hier in einer Kontinuität?

Übung: “Moderne Demokratietheorien”

Dr. Maria Alexopoulou

Unsere Zeit gilt Vielen als „postfaktisch“: nicht mehr Tatsachen und logische Argumentationen seien bei der politischen Willensbildung entscheidend, sondern Gefühle. Dieser Trend geht mit einem Erstarken rechtspopulistischen Gedankenguts und Bewegungen einher, die sich selbst als basisdemokratisch verstehen und darstellen: sie repräsentieren den Willen des „Volkes“ oder des „einfachen Bürgers“.
Angesichts dieser Entwicklungen scheint es lohnenswert, sich genauer damit zu beschäftigen, was Demokratie überhaupt bedeutet. Welche Konzepte von Demokratie gibt es? Welche Ideen haben Denker wie Jean-Jaques Rousseau, John Stuart Mills, Alexis de Tocqueville und auch neuere Autoren dazu entwickelt? Was ist unter Basisdemokratie, repräsentativer, partizipativer, liberaler Demokratie oder unter globaler und E-Demokratie zu verstehen? Ist Demokratie und Demokratisierung immer nur etwas Politisches? Und: Ist Demokratie ein Wert für sich?
Anhand der Lektüre von einschlägigen Originaltexten wollen wir über diese und weitere Fragen diskutieren und nachdenken. Gleichzeitig können wir auch über aktuelle Themen, die Sie einbringen, reflektieren.

Proseminar: ” ‘Verbrechen und Strafe’ – Der Holocaust und seine strafrechtliche Aufarbeitung in der Bundesrepublik”

Kerstin Hofmann, M.A.

Mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist der Holocaust, der industrielle Massenmord an über 6 Mio. Menschen in Europa, in den Medien und in tagespolitischen Debatten dauerhaft präsent. Zugleich schwindet mit der Generation der Zeitzeugen aber auch das Wissen um die zwischen 1933 und 1945 begangenen Verbrechen. Dennoch gilt gerade hier: Je geringer dieses Wissen ist, desto leichter ist es, den Holocaust politisch zu instrumentalisieren oder gar zu leugnen.
Das Proseminar befasst sich daher sowohl mit den im Dritten Reich begangenen NS-Verbrechen (u.a. „Euthanasie“, Konzentrations- und Vernichtungslager) als auch mit den wichtigsten Stationen ihrer strafrechtlichen Aufarbeitung in der Bundesrepublik. Welche NS-Prozesse gab es und wie stand die bundesdeutsche Öffentlichkeit zu ihnen? Warum stehen noch heute NS-Verbrecher vor Gericht? Diese Fragen sollen anhand ausgewählter Verfahren beantwortet werden.
Das Proseminar beinhaltet eine Exkursion zur Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen und zur Bundesarchiv Außenstelle Ludwigsburg.

ICS-Seminar: “Post-war Germany, 1945 to the 1960s” (engl.)

Dr. Reinhild Kreis

In 1945, Germany was defeated, militarily as well as morally, occupied, and in ruins. This course explores the history of West Germany from the end of World War II to the mid-1960s as a period of substantial transformation both politically as well as socially and culturally. We will discuss the development of the international order after World War II with a focus on the process of European integration, the Cold War, the division of Germany, and German-German relations. We will also examine the challenges of adapting to what became “Western values” by looking into the idea and process of “democratization” and on Germany’s dealing with the Nazi past. A particular focus will be on the social implications of the division, re-construction, and re-integration of Germany. Challenging notions of a “zero hour” and narratives that present a linear development from 1945 to 1989/90, we will discuss both continuities and breaks in German post war history.

ICS-Seminar: “Weimar” (engl.)

Dr. Sebastian Demel

The one and a half decades after the First World War were often described as a golden age (“Goldene Zwanziger“, “Roaring Twenties”), that oscillated between cultural-experimental bloom and economic as well as political disintegration. After the defeat in war and its destabilizing effect, the German society tried to overcome the past by searching refuge in live in the moment, leisure and hedonism – as seen for the U.S. in F. Scott Fitzgerald’s classic novel “The Great Gatsby”. But Weimar’s social and cultural development could not be separated from the political and economic crises of its time. Rather, they laid the foundations for the development of an escapist mentality.

The seminar attempts to trace this entanglement of the political, social, economic and cultural development by first tracing the lines of German history from the empire to national socialism, and then, in a second step, deepening the cultural prosperity of the interwar years: How did the war burden the new political system? How could an economic recovery be achieved after hyperinflation? And what kind of escapades have influenced the concept of the avant-garde Weimar culture, which is still to this day the proverbial? In weekly meetings with regular reading, essay writing and group presentations, we approach the complex history of the interwar years during the course of the semester.

Übung: “Katharina die Große – Russland im Zeitalter der Aufklärung”

Dr. Ludger Syré

„Russland ist eine Europäische Macht.“ Seit der Epoche Katharinas II. zweifelte niemand mehr daran, dass der vielzitierte sechste Artikel der „Großen Instruktion“ Wirklichkeit geworden war. Die 1762 auf den Thron gelangte Kaiserin setzte sowohl die Expansion Russlands als auch die kulturelle Annäherung an Westeuropa fort, die ihr Vorgänger und Vorbild Peter der Große in Gang gebracht hatte. Beeinflusst vom Gedankengut der Aufklärung startete sie ein komplexes Reformwerk, das dann allerdings nur ansatzweise in die Realität umgesetzt wurde. Spätestens der Aufstand des Kosaken Pugatschow (1773-1775) leitete die reaktionäre Phase ihrer Innenpolitik ein. Während sie den Adel von der Dienstpflicht befreite und seine Privilegien stärkte, verschlechterte sich die Lage der Bauern dramatisch. Ihre historische Leistung auf außenpolitischem Gebiet war der Triumph über das Osmanische Reich, der die territoriale Gewinnung „Neurusslands“ und die Öffnung des Schwarzen Meeres für den russischen Handel einschloss.

Kolloquium: “Aktuelle Perspektiven der zeithistorischen Forschung”

Das Kolloquium dient der Diskussion aktueller Forschungsfragen aus der Zeitgeschichte sowie zugleich der Diskussion von Abschluss- und Qualifikationsarbeiten. Es soll ein Verständnis für historische Forschung als einem dynamischen Prozess und einem „immerwährenden Gespräch“ vermittelt werden. Auch wird konkret erarbeitet, wie man ein historisches Projekt findet, eine entsprechende historische Frage stellt, sowie wie man diese Fragestellung in einem Exposé zu Papier bringt.